Sonntag, 16. August 2015

[Rezension] - "Von ganzem Herzen Emily" oder: Rache oder Vergebung?


Titel: Von ganzem Herzen Emily
Autor: Tanya Byrne
Originaltitel: Heart-Shaped Bruise <dt.>
Verlag: Oetinger
Erscheinungsjahr: 2013 (HC)
Seitenzahl: 352
ISBN: 978-3-7891-2017-6
Preis: 16,95 € [D] | 17,50 € [A]
Leider nicht als TB* erhältlich. 

Worum geht's?

Emilys Vater ist ein Verbrecher. Er dringt in das Haus eines Mannes ein und tötet ihn brutal. Er wird von der Tochter des Mannes, Juliet, die eigentlich gar nicht zu Hause sein sollte, niedergestochen, überlebt aber schwer verletzt. Juliet kommt daraufhin in ein Zeugenschutzprogramm und soll ein neues Leben in London beginnen. Aber sie hat die Rechnung ohne Emily gemacht, die nur auf eines sinnt: Rache. Sie nähert sich Juliet und ihrem Freund Sid als Freundin und ist bereits alles zu riskieren. Auch ihre eigene Liebe.

Meine Meinung

Das Buch ist aus der Sicht der Hauptfigur Emily Koll geschrieben. Sie befindet sich zu Beginn des Buches in der psychiatrischen Abteilung einer Jugendstrafanstalt und erzählt durch Rückblenden und in Gesprächen mit Ihrer Therapeutin, was zwischen ihr, dem Mädchen Juliet und ihrem Freund Sid gelaufen ist und warum sie zu dem geworden ist, was sie jetzt ist.

In den Rückblenden spricht sie den Leser auch direkt an, da sie davon ausgeht, dass der Leser selbst ein Insasse der Anstalt ist, dem sie in einem Schulheft von ihrer Vergangenheit berichtet. Das gibt der Autorin eine Menge Spielraum, da Emily eine notorische Lügnerin ist. So weiß man auch als Leser nie, ob ihre Geschichten wahr, erlogen oder vielleicht sogar eingebildet sind.


Die Charaktere

Das Mädchen Juliet fand ich etwas blass, ebenso wie ihren Freund Sid. Emily beschreibt die beiden zwar immer wieder und man bekommt ein gutes Bild über die Charaktere, aber trotzdem konnte ich keine wirklich Bindung aufbauen. Durch die Ich-Perspektive des Buches ist man als Leser so sehr an Emily gebunden, dass es schwierig ist, sich mit anderen Charakteren zu identifizieren. Einen guten Eindruck wiederum bekommt man von der Liebe zwischen Sid und Juliet, die Emily als etwas beschreibt, dass über die erste große Liebe hinausgeht. 

"Sie würde nie verstehen, dass wir manchmal Dinge tun, die so groß sind - und so schrecklich -, dass sie zu dem werden, was wir sind. Man tut etwas, und WUMM!, ist alles, was man einmal war, in tausend Stücke zerfetzt" (S.23)

Die Therapeutin Dr. Gilyard hingegen hat nicht nur Emily, sondern auch mich wahnsinnig gemacht. Auf Fragen stellte sie immer Gegenfragen und auch im Allgemeinen scheint diese Frau nur mit "?" am Ende eines Satzes zufrieden zu sein. Das Emily ihr nicht schon zu Beginn des Buches die Augen ausgekratzt hat, war erstaunlich, da Emily zu spontaner Aggressivität neigt. Eine Diagnose seitens der Ärztin über Emily gibt es übrigens nicht, der Leser muss sich hier selbst seine Meinung bilden. Gerne hätte ich hier ein Gespräch der Therapeutin mit einem anderen Arzt über Emily gelesen.


"Wie ich das liebe und hasse, dass die Menschen auf einmal so ehrfürchtig und entsetzt auf mich reagieren." (S.27)

Man merkt ganz deutlich, dass Emily die Aufmerksamkeit nach 'ihrer Tat' genießt und sich auch nicht für das schämt oder bereut, was sie tat. Sie ist ganz klar ein Mensch, der zu wenig Aufmerksamkeit, vor allem seitens ihres Vaters, bekommen hat. Sie ist jemand, der eigentlich geliebt und beschützt werden will, musste aber früh lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Daher beginnt auch ihre Beziehung zu Juliet zu wanken. Sie ist hin und hergerissen zwischen ihren Rachegedanken und der Hass-Liebe gegenüber diesem Mädchen. Sie hatte sich Juliet auch ganz anders vorgestellt: "Sie hatte auf meinen Vater eingestochen. Ich erwartete Härte, scharfe Kanten und Prahlerei" (S. 89)

Emilys Gedanken sind großartig beschrieben. Sie assoziiert sehr viel und beschreibt auch die Liebe auf eine Art, wie ich es bisher noch nicht gelesen habe. Sie betrachtet sie ganz nüchtern und doch als etwas besonderes, wie einen Vogel, den man in seinem Herzen einsperren sollte, damit er nicht wegfliegt. Die Kapitel sind recht kurz und flüssig zu lesen, manchmal ist der Stil sehr jugendsprachlich.


"Rühr ihn noch einmal an, und ich schneid dir das Herz raus" sagte ich. Nie hörte ich mich stärker wie eine Koll an. Mein Vater wäre stolz auf mich gewesen" S. 322

Emily ist sehr Vater-fixiert. Sie liebt ihn, auch wenn er nie wirklich für sie da war, so wie viele Kinder es tun, das es eben die eigenen Eltern sind. Ich denke, dass Emily ein anderer Mensch hätte werden können, hätte sie eine normale Kindheit gehabt. Sie verrennt sich in Gefühlen, weil sie nie gelernt hat, damit umzugehen.

Es ist ein sehr hartes Buch ohne Happy End. Aber gerade das ist selten. Die meisten Jugendbücher gehen immer gut aus, aber es läuft auch im echten Leben nicht alles wie im Bilderbuch. Und auch wenn mir persönlich das Ende dieses Buches zu abrupt war und sehr viel, vor allem die Vergangenheit von Emily's Vater offen blieb, so passte es doch eben zu dieser Geschichte. 

Das Cover

...finde ich absolut ansprechend, die Schrift findet sich auch im Buch in Form der Anfangsbuchstaben jeden Kapitels wieder. Dennoch hat das Cover nicht wirklich viel mit dem Inhalt des Buches zu tun, ich kann mich nicht erinnern, dass auch nur ein Vogel darin vorkam, oder wenn, dann nur beiläufig. 


Meine Bewertung

4 von 5 Punkten. 
Leider kein wirklicher Thriller, sondern eher das Porträt eines labilen Mädchens.

*Taschenbuch

Kommentare:

  1. Huhu! (:
    Das klingt wirklich sehr spannend, vor allem da ich schon das ein oder andere gute Portrait gelesen habe und mich diese Bücher alle sehr begeistert haben. Sehr schöne Rezension! :)
    Alles Liebe,
    Jasi ♥

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  2. Hi,
    das Buch habe ich vor einiger Zeit gelesen, und fand auch das es eher ein Roman ist als ein Thriller, aber insgesamt konnte es mich auch begeistern. Tolle Rezi!

    LG Piglet ♥

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